Agrarsoziale Gesellschaft e.V.

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Preisträger 1995

Filmteam Sophie Kotanyi, Ulrich Frohnmeyer und Julia Kunert
für den Dokumentar-Film “Lieber nach Osten als nach Kanada”

Nach Auffassung der Jury - bestehend aus sieben Angehörigen aus Vorstand, Kuratorium und sonstigen Mitgliedern der ASG, die den Beirat der Stiftung bilden -, wurde der “Tassilo-Tröscher-Preis 1995” an das Filmteam Sophie Kotanyi, Ulrich Frohnmeyer und Julia Kunert für den Dokumentar-Film “Lieber nach Osten als nach Kanada” vergeben.
Das Filmteam hatte von 1991 bis nach der Ernte 1994 die Entwicklung eines 300 ha großen landwirtschaftlichen Kirchengutes im Kreis Anklam, Mecklenburg-Vorpommern begleitet, welches dort von einer jungen Familie aus Schleswig-Holstein gepachtet wurde. Es entstand eine Dokumentation über den mit vielerlei Schwierigkeiten verbundenen Aufbau eines privaten landwirtschaftlichen, ökologisch orientierten Betriebes.
Der Film kann gleichzeitig gewertet werden als ein Zeitdokument mit “historischem Wert” über den gesellschaftlichen Wandel in einem kleinen Dorf, also über das Leben auf dem Lande. Dabei wurde der Komplex von Schwierigkeiten deutlich, der das konfliktreiche Zusammenwachsen Deutschlands begleitet.
Darunter fallen:
  • der Umzug aus einem infrastrukturell ausgebauten Land in eine noch wenig entwickelte Region
  • die Einführung marktwirtschaftlicher Verhältnisse in das bis dahin bestehende System einer staatlich gelenkten Landwirtschaft
  • die entbehrungsreiche Einführung ökologischer Produktionsweisen
  • die Differenzen zwischen “Besser-Wessis” und bodenständischer Bevölkerung
  • das Spannungsverhältnis zwischen Arbeitgeber (West) und Arbeitnehmer (Ost)
  • die bürokratische Blockade von Kommunalbehörden
  • das langsame Hineinwachsen der zugezogenen Pächterfamilie in die gestandene Dorfgemeinschaft und das “Fuß-Fassen” in der neuen Heimat
  • der langsame Abbau von “Abwehrschranken” seitens der Dorfbevölkerung gegenüber den Fremden
  • die Überwindung resignativer Phasen (“Ich schmeiß den ganzen Krempel hin!”)
    und weiteres mehr
Dem Filmteam ist es gelungen, die Empfindlichkeiten sichtbar zu machen, die unterschwellig bei der Zusammenarbeit und beim Zusammenleben von Bürgern aus dem Osten und aus dem Westen Deutschlands nach der Wiedervereinigung aufgebrochen sind. In den spontanen Aussagen werden die Gegensätze in der “Denkungsweise Ost-West” beispielhaft sichtbar. Dabei wird einfühlsam deutlich, wie schwer es ist, im Osten eine neue Heimat zu gewinnen und zu erarbeiten.
Eine besondere Leistung des Films liegt unseres Erachtens auch darin, dass die Problematik der Wiedererrichtung eines privaten Betriebes in einem der neuen Bundesländer sehr realitätsnah ausschließlich durch Interviews mit handelnden Personen und nicht mit Schauspielern aufgezeichnet wird. Dass der Film soziale Beziehungen vor produktionstechnische setzt und bei seiner optimistischen Grundeinstellung nicht geschönt ist, sind für uns weitere Positiva.
Der Film zeichnet sich aus durch eine gekonnte, behutsame, geradezu “leise” Kameraführung, die Fakten gelten läßt. Er erreicht mit seinen offenen Gesprächsmöglichkeiten, dass alle Betroffenen ehrlich sprechen und damit die eigenen Reflexionsmöglichkeiten sich allmählich für ein besseres gegenseitiges Kennenlernen und Verstehen-Lernen öffnen.
Der Verzicht auf überflüssige, dem eigenen “Sendungsbewußtsein” zuzuordnende Kommentare durch die Filmemacher zugunsten der Möglichkeit, daß sich die Betroffenen ausreichend - nicht merklich geschnitten - vor der Kamera äußern konnten, hebt diesen Film von anderen Filmen positiv ab, die vielfach von Schlagzeilen, Vorurteilen und Klischees geprägt sind. Er ist dadurch ein Zeitdokument, das durch seine Direktheit besticht.
 


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